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Der Naturschützer der christlichen Biotope:
Der Pfarrgemeinderat
Dienstag, 17. Januar 2006, 21.30 Uhr. Im Konferenzraum der Pfarrei
brummt die Neonröhre vor sich hin und spendet ihr kaltes Licht.
Von den Servietten auf den weißen Tischen, die zu einem Kreis
zusammengestellt wurden, sind die Knabbereien schon fast verschwunden.
Gelüftet könnte auch einmal werden; denn die zwanzig Mitglieder
des Pfarrgemeinderates tagen schon seit über einer Stunde.
Ein geistliches Wort stimmte sie ein, heute ein Neujahrsgedicht,
das Dieter Steffens heraussuchte. Danach besprachen die Gemeindevertreter
verschiedene zentrale Themen der Pfarrei, wie etwa die anstehende
Ratswahl.
Nun sind sie noch immer konzentriert, als ihre Vorsitzende, Ursula
Heilmeier, den zweiten Hauptteil ankündigt, die Berichte. Anna
Himmel führt aus, wohin die Erlöse des Second Hand-Marktes
im Herbst gespendet wurden. Vom letzten Kinder-Bibel-Nachmittag
erzählt Regine Thiermann. Und Dr. Antonie Vieregg bestätigt,
dass der Besuchsdienst für kranke Menschen weiterhin gut läuft.
Karin Loher kündigt an, dass der Pater-Rupert-Meyer-Kreis sich
bei der Neuorganisation des Pfarrfaschings beteiligt. Tilly Schamberger
blickt kurz von ihrem Laptop auf, auf dem sie das Protokoll der
Sitzung führt, und berichtet von der Aktionsgruppe, die die
Produkte des Fairen Handels verkauft. Sie spendete ihre Überschüsse
an ein Flüchtlingslager in Benin. Dort hat eine junge Frau
aus der Gemeinde einige Monate mitgearbeitet. Zum Schluss fasst
Pfarrer Cambensy die Sitzungsergebnisse seines Seelsorgeteams zusammen.
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| Anni Himmel und Ingrid
Bundschuh erläutern die Ergebnisse der Arbeitsgruppe |
Wichtige Neuentdeckung
Wie aus dieser Aufzählung zu ersehen ist, ist der Pfarrgemeinderat
ein Gremium zur Koordination und Beratung. "Was für unsere
Ohren heute wenig aufregend klingt, gehört zu den wichtigsten
Neu- bzw. Wiederentdeckungen des II. Vatikanischen Konzils (1962-65).
Laien werden in ihrem Christsein nicht mehr zuerst von - der ihnen
vom Klerus zugewiesenen - Abgrenzung her gedeutet, sondern durch ihre
christliche Berufung." (Diözesanrat München, Grundlagen
der Rätearbeit, München 2005). Deshalb besteht das Ziel
eines Pfarrgemeinderates darin, eine lebendige Gemeinde aufzubauen
in ihren Arbeitsfeldern: In den gottesdienstlichen Feiern (Liturgia),
in der Verkündigung (Martyria) und im Dienst am Nächsten
(Diakonia). In der Würzburger Synode 1971-75, die dem II. Vatikanischen
Konzil nachfolgte, wurde denn auch Seelsorge als ein Prozess definiert,
der zwischen Glaubenden passiert, nicht mehr allein als Belehrung
durch den Priester.
Konkrete Aufgaben
Aus diesem Ziel ergeben sich die konkreten Aufgaben eines Pfarrgemeinderates:
Er berät sich über alle Gemeindefragen und koordiniert die
Gemeindearbeit räumlich, zeitlich und inhaltlich in eigener Verantwortung;
dazu ist er ermächtigt als Organ des Laienapostolats. In St.
Martin wird diese Verteilung in der zentralen Terminplankonferenz
vorgenommen. Kleinere Überschneidungen bügelt das Pfarrbüro
aus, das überhaupt das motorische Herz dieses Organismus` darstellt.
Der Pfarrgemeinderat verfügt über ein eigenes kleines Budget
für Abschiedsgeschenke und zur Weiterbildung. Zudem nimmt er
Stellung zum Haushaltsplan der Kirchenverwaltung gegenüber, dem
anderen demokratischen Gremium in den bayrischen Pfarrgemeinden. Darüber
hinaus berät er die Seelsorger in pastoralen Fragen.
Leistungen in den letzten vier Jahren
Die Bilanz des PGR (wie er allenthalben genannt wird) von 2002 bis
2006 kann sich sehen lassen. Beim internen Rückblick fielen als
erstes die Sonderprojekte auf: Das "Jahr der Bibel", das
2003 deutschlandweit ausgerufen worden war, gestaltete St. Martin
mit einer Bibelnacht für Kinder, Bibelfilmen für Jugendliche
und verschiedenen Vorträgen.
Der Weltjugendtag 2005 prunkte in Moosach mit einer Fülle an
Veranstaltungen, die von einem gemischten Jugend/ Erwachsenen-Team
ausgerichtet wurden: Der Soziale Tag mit Caritas-Besuch und Spiele-Nachmittag,
sowie der Frühschoppen mit den Trachtenvereinen waren ein voller
Erfolg.
Der Internetauftritt und die Modernisierung des Pfarrbriefes wurde
von den Redakteuren des AK Öffentlichkeitsarbeit geleistet, in
enger Abstimmung mit dem PGR natürlich. "Unsere Webseite
hat sich zur Visitenkarte der Pfarrei entwickelt," berichtete
Martin Cambensy bei der JahresschlussSitzung 2005. Der Pfarrerwechsel
von Hans Lindenberger zu Martin Cambensy kann ebenfalls als ein Sonderprojekt
betrachtet werden, bei dem der PGR überbrückte, einführte
und sich selbst neu orientierte.
Laufende Arbeit
Gerade die kontinuierliche Arbeit mit Gruppierungen und an langwierigen
Themen erzielt nachhaltige Wirkungen. Auf diesem Gebiet hatte sich
der PGR die Aufgabe gestellt, einige Bereiche besonders zu unterstützen,
etwa die Caritas und das Diskussionsforum, die Ökumene und die
Missionsarbeit, sowie die Jugend- und die Seniorengruppen.
Martina Hainer und Petra Weber stellten dem PGR die Caritas-Beratungsstelle
in Moosach vor. "Diese Gemeindeorientierte Sozialarbeit ist ein
Segen für die Pfarrei," urteilte Pfarrer Cambensy nach der
InfoVeranstaltung, die Ingrid Bundschuh vermittelt hatte. Bei der
Seniorenarbeit gibt es weiter zwei Gruppen: Die Aktiven Alten und
den Seniorenclub, den seit 2002 Angelika Lohmaier und Olga Zechmann
leiten. Die Jugendvertreter im PGR meldeten ein großes OK in
ihrem Bereich; den Anspruch des Jugendteams, ihre Arbeit alleine zu
managen, sehen sie erfüllt. Bernd Wagner berichtete von seinem
Ökumene-Kreis, dass seine fünf Veranstaltungen im Jahr durchwegs
zahlreich wahrgenommen würden, und dass die beiden Konfessionen
sich durch diese Aktivitäten gut verbunden fühlten.
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| Pfarrer Martin Cambensy
macht eine Übung vor |
Förderung als ständige Herausforderung
Der PGR bildet sich ständig weiter, entweder theologisch oder
über seine Aufgaben und seine Möglichkeiten. Um wirksamer
zu wirtschaften, beschloss er, seine Diskussionsreihe Forum St. Martin
mit den Vorträgen anderer Gruppierungen zu vernetzen. In diesem
jährlichen Vortrag informiert ein renommierter Referent über
ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema und seine christlichen
Folgerungen.
Die Vernetzung und die Zusammenarbeit von Gruppen bildet einen weiteren
Schwerpunkt des Gremiums. "Das ist eine heikle Angelegenheit;
denn eine Gemeinde setzt sich heutzutage aus kleinen Biotopen
des Glaubens' zusammen. So viele unterschiedliche Zugänge zum
Glauben gibt es mittlerweile", bestätigte Pfarrer Cambensy
nach seinem ersten Jahr. Vorbildlich klappt die Vernetzung bei der
Katholischen Arbeiternehmerbewegung (KAB) mit ihrem Leiter Peter Bachhuber,
wenn sie die Gemeinde zum Maiwein einlädt.
In Bezug auf die Zusammenarbeit besteht ein grundsätzliches Problem
im Machtgefälle von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Dem
theologisch ausgebildeten Seelsorger steht der motivierte Laie gegenüber.
Diese Kluft ist nur mit viel gutem Willen zu überbrücken
- besonders im Lenkungsgremium PGR - denn dort beraten sich die gewählten
Laien zusammen mit den sogenannten geborenen Mitgliedern, den Seelsorgern.
Wenn es nicht nur um Unterstützung bestehender Gruppen, sondern
um die Wiederbelebung von Arbeitskreisen geht, so sieht sich der Pfarrgemeinderat
besonders gefordert. Bei der Ausrichtung des Pfarrfaschings ist das
auf erfreuliche Weise geglückt, und diese Großveranstaltung
finanziert sich jetzt sogar selbst. Und das in einer Zeit, in der
langfristiges ehrenamtliches Engagement immer mehr abnimmt. Mit dem
Ehrenamt aber kennt Pfarrer Cambensy sich aus; denn in dieser Eigenschaft
leitet er selbst den diözesanen Arbeitskreis Kirche und Sport
und spricht deutschlandweit als Bayrischer Sportpfarrer.
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| Im Plenum werden die Diskussionsergenisse
zusammengetragen |
Was läuft denn so?
Die derzeitige Situation der Gemeinde wird die Diskussionsthemen
der nächsten vier Jahre bestimmen: St. Martin ist immer noch
eine der größten Pfarreien in München mit einem
entsprechenden Managementbedarf. Die vielen Familien, die vielen
alten Menschen, die Singles in Moosach - sie alle haben unterschiedliche
spirituelle Bedürfnisse und konkrete Anliegen. Zudem bildet
St. Martin schon immer aus: Kapläne und Kollegen im Pastoralkurs,
Gemeindeassistentinnen im letzten Ausbildungsabschnitt und im Praxisjahr.
Das macht das Seelsorgeteam so bunt wie die Bausubstanz in St. Martin.
Schubweise gewachsen, zeichnet sie die Entwicklung dieses Stadtteils
nach, der sich lange seines dörflichen Charakters rühmte.
Ja, sie verkörpert diese Entwicklung; denn das Pfarrheim ist
nicht chic', genauso wie Moosach eben nicht hip' ist.
Aber beides bietet Heimat für viele Menschen.
Dann gibt es noch die immer knapperen Gelder des Ordinariats, die
die laufenden Aktivitäten der Pfarrei finanzieren, und somit
als Tagesordnungspunkt beim Pfarrgemeinderat landen. Denn das ist
eine bayrische Besonderheit: Nur in Bayern gibt es zwei gewählte
Gremien, nämlich die Kirchenverwaltung für Personal- und
Finanzentscheidungen und den PGR, der das Gemeindeleben koordiniert.
Und das wissen auch die Moosacher: "Ohne Moos nix los."
Damit hat der PGR in St. Martin die unangenehme Aufgabe, den Gläubigen,
die sie gewählt haben, Einschränkungen zu vermitteln,
ohne etwas daran ändern zu können.
Lob und Anerkennung
Man kann nicht immer nur diskutieren und organisieren; wertschätzen
und anerkennen findet die Vorsitzende Ursula Heilmeier genauso wichtig.
Besonderes Engagement oder runde Geburtstage hebt sie bei einem
Glas Sekt mit einer persönlichen Ehrung hervor. Das traditionelle
Grillfest im idyllischen Pfarrgarten dient dem persönlichen
Austausch ebenso, wie das jährliche Seminar in einer kirchlichen
Weiterbildungsstätte, heuer im geschichtsträchtigen Kloster
Freising. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl
und macht fit für die laufenden Aufgaben. Für alle Ehrenamtlichen
wurde der Abend der Begegnung jeden Februar eingerichtet, um sich
einmal ausdrücklich bei ihnen zu bedanken und sie auf Pfarreikosten
einzuladen.
Bedeutung des Pfarrgemeinderates in St. Martin
Ursula Heilmeier fasst ihre Erfahrungen zusammen: "Als Vorsitzende
des PGR in St. Martin erlebe ich in diesem, auch für unsere
Gemeinde so wichtigen Gremium Menschen, die aus Überzeugung
aktiv werden, ernsthaft und engagiert anpacken und im Alltag Zeichen
der Liebe und des Glaubens setzen. Sie prägen als gewählte
Mitglieder das Gesicht unserer Pfarrgemeinde, nahezu alle Gruppierungen
sind vertreten. In einer vertrauensvollen Atmosphäre gelingt
ein respektvolles Miteinander. Ich bin sehr dankbar für die
Frauen und Männer, die couragiert ihren Standpunkt vertreten,
ihre Talente und Fähigkeiten einbringen und mitverantwortlich
am Aufbau unserer lebendigen Gemeinde beteiligt sind." Übrigens
sind alle PGR-Sitzungen öffentlich und jeder Interessierte
ist willkommen.
Dienstag, 17. Januar 2006, 22.05 Uhr. Im Konferenzraum der Pfarrei
haben die Mitglieder des PGR mittlerweile die Tische wieder an die
Wände gerückt. Sie erlösen die Neonröhre von
ihrem Brummen und bummeln in Grüppchen nach Hause. Friedliche
Stille senkt sich wieder über das Pfarrheim und sie ist erfüllt
von dem, was dieser Raum gerade erlebt hat: An Vorschlägen
und Verwürfen, an Träumen und Traditionen, an Kontroversen
und Kompromissen, an Gelächter und Trauer, an Streit und Versöhnung
- an lebendiger Gemeinschaft eben.
von Eva Speckner
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